Viele Schülerinnen und Schüler wünschen sich mehr Mitbestimmung im Unterricht. Zum Beispiel bei der Auswahl von Themen oder bei der Frage, wie sie arbeiten und geprüft werden.
Das zeigt auch das aktuelle Schulbarometer.
Gleichzeitig geben viele an, dass sie genau diesen Einfluss kaum haben.
Die spannende Frage ist: Würdest du das in deiner eigenen Klasse so wahrnehmen – oder anders?
Was die aktuellen Daten zeigen
Mitbestimmung ist kein Randthema. Schülerinnen und Schüler, die Einfluss haben, fühlen sich deutlich wohler in der Schule.
Umso bemerkenswerter ist die Lücke in der Wahrnehmung: Während viele Lehrkräfte die Beteiligungsmöglichkeiten für ausreichend halten, erleben Schülerinnen und Schüler das oft anders.

Viele Lehrkräfte halten Mitbestimmung im Unterricht für ausreichend, während Schülerinnen und Schüler sich deutlich mehr Einfluss wünschen. Grafik: Edkimo (basierend auf dem Schulbarometer)
Daneben wird ein zweiter Punkt sichtbar: Viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich psychisch belastet. Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Familien.
Insgesamt hängt das Wohlbefinden laut Studie stark davon ab, wie Unterricht erlebt wird: ob Unterstützung da ist, ob Anforderungen passen, ob das Miteinander funktioniert und ob sich Schülerinnen und Schüler etwas zutrauen.
Aber: Das ist nur ein Teil der Realität
Die Ergebnisse wirken zunächst eindeutig. Mehr Unterstützung, bessere Beziehungen, mehr Mitbestimmung – das sind alles Punkte, an denen Unterricht ansetzen kann.
Und trotzdem bleibt ein Zweifel: Reicht das wirklich?
Mehrere Verbände weisen darauf hin, dass Studien wie das Schulbarometer oft nur einen Ausschnitt zeigen. Sie bleiben nah am Unterricht und lassen vieles außen vor, was den Schulalltag ebenso prägt.
Der nordrhein-westfälische Philologenverband formuliert das deutlich. Lehrkräftemangel, volle Lehrpläne und zusätzliche Aufgaben durch Inklusion, Digitalisierung oder Beratung bestimmen den Alltag vieler Schulen. Wenn dann vor allem über Unterrichtsqualität und Klassenklima gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck, Lehrkräfte müssten im Klassenzimmer ausgleichen, was gesellschaftlich verursacht wird.
Die Perspektive dahinter ist wichtig. Schule kann gesellschaftliche Ungleichheit nicht einfach lösen. Und viele der Belastungen, die Schülerinnen und Schüler erleben, entstehen außerhalb des Unterrichts.
Was heißt das für die Mitbestimmung im eigenen Unterricht?
Viele Lehrkräfte bewegen sich in diesem Spannungsfeld.
Auf der einen Seite stehen große strukturelle Fragen, auf die man im Alltag wenig Einfluss hat. Auf der anderen Seite steht der eigene Unterricht, der trotzdem jeden Tag stattfindet.
Man kann Armut nicht lösen. Man kann den Lehrkräftemangel nicht ausgleichen. Man kann politische Rahmenbedingungen nicht ändern.
Aber man kann beeinflussen, wie Unterricht konkret erlebt wird. Ob Anforderungen nachvollziehbar sind. Ob sich Schülerinnen und Schüler ernst genommen fühlen. Ob sie verstehen, was sie lernen und warum.
Gerade beim Thema Mitbestimmung liegt hier ein oft unterschätzter Hebel. Wenn Schülerinnen und Schüler sich mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate wünschen, dann geht es nicht nur um „Mitreden dürfen“. Es geht darum, ob sie sich als Teil des Lernprozesses erleben.
Mitbestimmung und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit
In der Bildungsforschung wird das oft als „student agency“ beschrieben, also die Erfahrung, das eigene Lernen aktiv mitgestalten zu können. Schülerinnen und Schüler, die sich als wirksam erleben, sind in der Regel motivierter, übernehmen eher Verantwortung und bleiben auch bei Schwierigkeiten eher dran.
Mitbestimmung ist damit kein Zusatz, sondern ein konkreter Ansatzpunkt, um genau diese Erfahrung im Unterricht zu stärken.
Diese Erfahrung entsteht dabei selten durch große Reformen, sondern oft durch kleine, konkrete Entscheidungen im Unterricht: Themen mitbestimmen lassen, zwischen Aufgabenformaten wählen, Kriterien transparent machen.
Aber hier liegt die Schwierigkeit. Wir wissen oft zu wenig darüber, was sich unsere Schülerinnen und Schüler konkret wünschen und was ihnen tatsächlich beim Lernen hilft.
Das eigentliche Problem: fehlende Klarheit im Alltag
Viele Einschätzungen im Schulalltag basieren auf Erfahrung und Bauchgefühl. Das ist nicht falsch, aber es bleibt oft unscharf.
Gerade beim Thema Mitbestimmung zeigt die Studie, wie groß die Wahrnehmungslücke sein kann. Lehrkräfte gehen davon aus, dass Beteiligung stattfindet. Schülerinnen und Schüler erleben sie oft anders.
Ohne konkrete Rückmeldungen bleibt vieles Vermutung. Das naheliegende wäre, einfach nachzufragen. In der Praxis führt das aber oft nur zu sehr begrenzten Rückmeldungen. Viele Schülerinnen und Schüler äußern sich im Plenum zurückhaltend oder orientieren sich in ihren Antworten daran, was sie für erwünscht halten.
Ohne eine Form, die ehrliche und differenzierte Antworten ermöglicht, bleibt dieses Bild lückenhaft. Genau hier setzt anonymisiertes Feedback an.
Edkimo hilft dabei, solche Rückmeldungen ohne großen Vorlauf einzuholen und direkt im Unterricht nutzbar zu machen.
Erst verstehen, dann gestalten
Dabei lohnt es sich, zwei Ebenen zu unterscheiden: erst verstehen, dann gestalten.
Zuerst geht es um Diagnose. Schon wenige gezielte Fragen können helfen, ein klareres Bild zu bekommen:

Beispiel für eine kurze Umfrage zu Motivation, Stress und Mitbestimmung im Unterricht. Quelle: Edkimo.
Wenn hier Unterschiede sichtbar werden, entsteht die Grundlage für den nächsten Schritt: konkrete Entscheidungen im Unterricht gemeinsam gestalten.
Zum Beispiel bei der Auswahl von Themen oder Arbeitsformen. In einem früheren Beitrag habe ich beschrieben, wie ich Edkimo genutzt habe, um herauszufinden, welche Themen für meine Schülerinnen und Schüler wirklich relevant sind.
Solche kurzen Abfragen lassen sich gut in den Unterricht einbauen. Sie zeigen, wo Anpassungen sinnvoll sind, ohne zusätzlichen Aufwand zu erzeugen.
Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen
Auch auf Systemebene wird dieser Ansatz gerade aufgegriffen. In Nordrhein-Westfalen startet das Schulministerium ein anonymes Feedback-Portal. Schülerinnen und Schüler beantworten dort standardisierte Fragebögen zu Belastung, Miteinander und Mitbestimmung. Schulen können sich für das Pilotprojekt anmelden und erhalten anschließend zusammengefasste Ergebnisberichte, teilweise auch im Vergleich zu landesweiten Daten.
Das ist ein sinnvoller Schritt. Er macht Themen sichtbar, die im Alltag oft untergehen.
Gleichzeitig zeigt sich eine Grenze: Wenn Feedback nur punktuell erhoben wird, entsteht eher ein statisches Bild. Unterricht ist aber kein statisches System.
Stimmungen, Belastungen und Bedürfnisse verändern sich ständig.
Man kann sich das wie Echolokation vorstellen. Ein einzelnes Signal gibt eine grobe Orientierung. Erst durch viele kurze Impulse entsteht ein verlässliches Bild der Umgebung.
Übertragen auf den Unterricht heißt das: Wer regelmäßig nachfragt, versteht besser, was sich gerade verändert und wo Anpassungen sinnvoll sind.

Durch kurze Umfragen wird sichtbar, wie Schülerinnen und Schüler den Unterricht erleben und wo Anpassungen sinnvoll sind. Der Screenshot stammt aus einem unserer Beiträge. Hier kannst du ihn dir im Original anschauen:
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An dieser Stelle stellt sich aber die praktische Frage, wie sich das im Alltag umsetzen lässt. Die GEW weist zu Recht darauf hin, dass Feedback nicht zu zusätzlicher Belastung führen darf.
Entscheidend ist deshalb der Aufwand. Wenn eine Befragung erst geplant und ausgewertet werden muss, bleibt sie die Ausnahme. Wenn sie sich dagegen in wenigen Minuten durchführen lässt, wird sie Teil des normalen Unterrichts.
Genau für solche Situationen ist Edkimo gedacht. Statt jedes Mal neu zu planen, kann man auf fertige Umfragen aus der Bibliothek zurückgreifen oder eigene Fragen in wenigen Schritten erstellen. So wird Feedback ohne großen Aufwand Teil des Unterrichts. Mit der Zeit entsteht ein differenziertes Verständnis, das nah an der Realität der eigenen Klasse bleibt.
Fazit: Mitbestimmung im Unterricht gezielt stärken
Die Ergebnisse des Schulbarometers sind wichtig. Sie zeigen, wo viele Schülerinnen und Schüler stehen. Gleichzeitig greifen sie zu kurz, wenn man daraus direkte Erwartungen an einzelne Lehrkräfte ableitet.
Die Realität liegt dazwischen.
Als Lehrkraft lässt sich nicht alles verändern. Aber man kann besser verstehen, wie die eigene Klasse den Unterricht erlebt, und dort ansetzen, wo Einfluss tatsächlich möglich ist – zum Beispiel bei der Mitbestimmung im Unterricht.
Das ist oft einfacher, als es klingt: nachfragen, die Antworten ernst nehmen und darauf reagieren – nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Teil des normalen Unterrichts.
Ein guter Einstieg ist, mit einer kurzen Umfrage zu beginnen und zu schauen, was dabei sichtbar wird. Oft ergeben sich daraus ganz von selbst die nächsten Ansatzpunkte.