Reicht das Gespräch im Unterricht wirklich aus?
Der Unterricht war geplant, die Umfragen erstellt. Ihr Einsatz war bewusst als Test gedacht. Ich wollte ausprobieren, was sich verändert, wenn Feedback im Unterricht nicht spontan entsteht, sondern bewusst vorbereitet wird.
Der eigentliche Prüfstein war dabei nicht die Technik, sondern eine Annahme: Reicht das Gespräch im Unterricht wirklich aus, um herauszufinden, was Schüler:innen brauchen? Meine Erfahrung sollte später klar sein: Im Unterrichtsgespräch zeigt sich oft, wer etwas sagt. Vor dem Unterricht zeigt sich, was die Klasse braucht.
Vorbereitet war das schnell. Die Umfragen hatte ich in wenigen Minuten erstellt – am Vorabend zu Hause, teilweise sogar unterwegs in der Bahn. Kein großer Aufwand, keine lange Vorbereitung. Und trotzdem blieb am nächsten Morgen eine Frage: Würden die Schüler:innen überhaupt mitmachen?
Was mir die Rückmeldungen im Deutschunterricht gezeigt haben
Mit dieser Frage bin ich in die Stunde gegangen. Ich habe kurz erklärt, worum es geht, den Link geteilt und beobachtet, was passiert. Die Antworten kamen sofort. Nach wenigen Minuten war sichtbar, wo Verständnislücken lagen und wo nicht. Das hat meinen Unterricht nicht umgekrempelt, aber es hat meine Schwerpunktsetzung klarer gemacht.
Beim Einstieg in Der gute Mensch von Sezuan war ich davon ausgegangen, dass wir schnell bei den zentralen moralischen Fragen landen würden: Verantwortung, Gutsein, gesellschaftliche Zwänge. Die Rückmeldungen zeigten jedoch etwas anderes. Genau hier wurde mir klar, wie sehr strukturiertes Feedback im Unterricht meine Planung verändert.
Die Unsicherheiten lagen bei den Grundlagen: Figurenkonstellationen, Rollenwechsel, die Funktion von Shen Te und Shui Ta. Ich habe den Einstieg angepasst und zunächst Zeit in das Sortieren dieser Beziehungen investiert. Ich hatte angenommen, die Klasse sei gedanklich schon weiter. Diese Annahme war falsch – und genau das war entscheidend. Ein Blick auf die gebündelten Ergebnisse zeigt, wie klar sich die Schwerpunkte abzeichneten:

Die anonymen Rückmeldungen zeigen deutlich, wo die Klasse beim Einstieg in Brecht noch Unsicherheiten hatte.
Beim Abschluss von Faust hatte ich geplant, noch einmal textnah zu arbeiten, um eine gemeinsame Basis zu sichern. Auch hier überraschten mich die Ergebnisse. Für viele stand diese Basis bereits. Die Fragen richteten sich auf die Interpretation: Gretchens Rettung, die Bedeutung des Endes. Also habe ich den Fokus verschoben.
Was mir dabei besonders aufgefallen ist: Die Rückmeldungen waren gebündelt, nicht vereinzelt. Statt Vermutungen anzustellen, lag von Beginn an ein gemeinsamer Ausgangspunkt vor. Das hat die Diskussionen verändert. Einzelne Wortmeldungen traten weniger in den Vordergrund. Zustimmung, Unsicherheit und Widerspruch wurden schneller sichtbar. Besonders spürbar war das bei Schüler:innen, die sich sonst eher zurückhalten. Ihre Perspektiven waren von Anfang an Teil der Stunde, ohne dass sie sich exponieren mussten.
Feedback im Unterricht – vor oder während der Stunde?
Spätestens hier hatte ich eine kritische Kollegin im Kopf, die sagt: „Dafür brauche ich doch keine App.“ Diese Skepsis ist vermutlich nicht ungewöhnlich – schließlich gibt es zahlreiche bewährte Methoden, Feedback im Unterricht ohne Technik einzuholen. Also habe ich es ausprobiert. Die Frage war einfach: Was ändert sich, wenn Feedback vorher entsteht – und was, wenn es erst im Unterricht eingefordert wird? Anders gesagt: Wie verändert sich Feedback im Unterricht, wenn es nicht unter Zeitdruck entsteht?
Die Abiturprüfungen stehen an. Als Lehrer möchte ich wissen, welche Themen meine Schüler:innen wiederholen wollen. Meine Fragestellung war dabei immer dieselbe. Geändert hat sich nur der Zeitpunkt, zu dem Feedback entsteht.
In meiner Geschichtsstunde habe ich dafür die App genutzt. Ich habe eine Umfrage mit Themen aus der 12. und 13. Klasse erstellt und sie einen Tag vor der Stunde in die Klassengruppe geschickt. Die Ergebnisse kamen noch am selben Tag. Ich konnte mich gezielt vorbereiten und wusste, dass meine Stunde relevant ist.
In der Deutschstunde bin ich anders vorgegangen. Ich habe die Klasse zu Beginn gefragt. Dafür habe ich rund zwanzig Minuten Unterrichtszeit aufgewendet. Es kam eine einzige Wortmeldung – von dem Schüler, der sich ohnehin immer meldet. Von den anderen kam vor allem Schweigen. Ich habe improvisiert und konnte nicht sicher sein, ob das Thema für alle wichtig war.

Statt einzelner Wortmeldungen wird hier sichtbar, wo die Klasse in der Abiturvorbereitung tatsächlich Bedarf sieht.
Warum Zeit zum Nachdenken entscheidend für gutes Feedback im Unterricht ist
Erst im Nachhinein wurde mir klar: Der entscheidende Faktor ist nicht die Methode, sondern die Zeit zum Nachdenken – für mich und für die Schüler:innen. Genau das macht gutes Feedback im Unterricht aus. Wenn ich von ihnen erwarte, dass sie mir sagen, was sie brauchen, brauchen sie Zeit dafür. Improvisation ist für sie ein ähnliches Problem wie für mich. Dazu kommt: Ich kenne die Themen seit Jahren. Für sie ist es das erste Mal, dass sie sich auf das Abitur vorbereiten.
Jetzt lasse ich mir und meinen Schüler:innen mehr Zeit.
Ich habe gemerkt: Reflexion lässt sich nicht erzwingen, aber man kann ihr Raum geben. Konkret heißt das für mich:
- mehr Vorbereitung
- weniger Rätselraten
- mehr Gewissheit
- keine verlorene Unterrichtszeit
- relevantere Stunden
Deshalb möchte ich auf diese Vorbereitung nicht mehr verzichten. Was würde sich bei dir verändern, wenn du schon vor der Stunde wüsstest, was deine Schüler:innen brauchen?